Wer hat 2020 noch einen IT-Job? Ein Blick auf die ICT-Berufslandschaft

Vom Fachkräftemangel und 100’000 Quereinsteigern – Fakten und Szenarien. Ein Interview mit Hansjörg Hofpeter, Leiter Höhere Berufsbildung, ICT-Berufsbildung Schweiz.

In der IT-Branche arbeiten in der Schweiz 176’000 Menschen. Von diesen 176’000 Personen bringen 72’000 einen formellen IT-Abschluss mit. Mehr als hunderttausend IT-Fachkräfte haben ihr Handwerk on the Job gelernt. Dieser sehr hohe Anteil an Quereinsteigern ist in erster Linie historisch bedingt, weil eine formale IT-Hochschulausbildung erst seit 1984 und eine IT-Berufslehre erst seit 1994 existiert. In letzter Zeit steigt jedoch der Druck auf die IT-Branche, Kosten einzusparen. Eine Qualifikation mit formellem Abschluss schützt nicht vor Arbeitsausfall durch Restrukturierungsmassnahmen. Er hilft jedoch eventuell bei der Suche nach einer neuen Stelle. Können wir den über 100’000 IT-Experten ohne Qualifizierung zu einem formellen Abschluss verhelfen? Und bringt sie das auf dem Arbeitsmarkt wirklich weiter?

In der Betrachtung des Schweizer IT-Berufsfelds fällt ein zweiter Punkt auf: 42’000 Personen in der Schweiz verfügen über einen IT-Abschluss, arbeiten jedoch nicht mehr im angestammten Bereich. Gleichzeitig ist ein Fachkräftemangel zu verorten, der gemäss einer Studie von ICT-Berufsbildung im Jahr 2020 auf 25’000 unbesetzte Stellen angewachsen ist. Wie können wir dieser Herausforderung begegnen?

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Im Interview mit Hansjörg Hofpeter, Leiter höhere Berufsbildung, ICT-Berufsbildung Schweiz, möchten wir von ihm wissen, was in der Schweiz bezüglich Aus- und Weiterbildung für ICT-Quereinsteiger und gegen den Fachkräftemangel geplant ist.

Digicomp: Herr Hofpeter, wie in der Einleitung beschrieben, sehen Sie sich mit zwei grossen Herausforderungen konfrontiert: Einerseits geht es um die formale Qualifizierung von ICT-Quereinsteigern für eine langfristige Arbeitsmarktintegration derselben, andererseits kämpfen Sie gegen den drohenden Fachkräftemangel. Liessen sich die beiden Probleme nicht elegant verbinden und zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen?

Hansjörg Hofpeter: Eine formale Qualifizierung ist immer mit Aufwand verbunden und fordert von den Absolventen wie von den Arbeitgebern zusätzliche Investitionen, nicht nur finanziell, sondern auch zeitlich ist eine Weiterbildung eine Belastung. Der Beschäftigungsgrad ist mit 93% bei den ICT-Beschäftigten extrem hoch. Bei einer Vollbeschäftigung sind zusätzliche Kapazitäten schwierig freizustellen, deshalb ist das Problem nicht ganz so einfach zu lösen. Eigentlich sollte doch gerade die ICT offener sein für Teilzeitmodelle, Standort-ungebundenes Arbeiten etc.

Ist es so, dass IT-Quereinsteiger ohne formalen Abschluss auch nach jahrelanger Erfahrung nicht als ICT-Fachkräfte gelten? Die Frage zielt darauf ab, was unter Fachkräftemangel zu verstehen ist. Was denkt ein Arbeitgeber hierzu? Kennen Sie die Meinungen von HR-Managern zum Expertenstatus von Quereinsteigern? Welche Fähigkeiten muss jemand mitbringen, um 2020 als IT-Fachkraft anerkannt zu werden?

HH: Es ist laut der Studie schon ein formaler Abschluss, der zählt, um als Fachkraft zu gelten. Ich kenne leider die Meinung der HR-Manager zu wenig. Das Problem der erfahrenen Quereinsteiger ist oft die einseitige Spezialisierung auf einem Produkt. Wenn dieses Produkt nicht mehr gefragt ist oder die Entwicklung so rasant weiter geht, dass eine damals moderne Applikation heute schon veraltet ist und nicht mehr verwendet wird, dann bekommen diese Spezialisten ein Problem auf dem Arbeitsmarkt.

Die IT-Fachkraft muss neben Spezialistenwissen auch sehr gute kommunikative Kompetenzen mitbringen. Die Kommunikation zwischen den Anwendern (Kunden) und den Fachleuten ist enorm wichtig, aber auch enorm schwierig, da die beiden Seiten oft nicht dieselbe Sprache (im übertragenen Sinn) sprechen. Eine Weiterbildung zu einem Fachausweis und einem Diplom zielt auf eine breit gefächerte, inhaltlich entsprechend den Bedürfnissen der Wirtschaft entwickelte Qualifikation. Das bedeutet für die Fachleute, dass sie eine Weiterbildung absolvieren, die längerfristig Mehrwert bringt und nicht auf gewisse Produkte und Zertifikate zielt, die in der rasanten Entwicklung der IT-Welt schnell veraltet sind.

Wie schätzen Sie den Arbeitsmarkt 2020 in der Schweiz für langjährige IT-Mitarbeiter ohne formalen Abschluss ein, wenn uns – wie von Ihnen prognostiziert – 25‘000 Fachkräfte in der IT fehlen?

HH: Wer sich ständig weiterbildet im Bereich der Industriezertifikate und vorausschauend «am Ball» bleibt, hat durchaus Chancen, seine Aktivitäten im IT-Bereich weiter auszuüben, wie gesagt, immer mit dem Risiko der Nachfrage des Produkts.

Inwieweit werden die fehlenden Fachkräfte mit Personen aus dem Ausland ausgeglichen werden können? Oder anders gefragt: Gelten die Quereinsteiger als Fachkräfte oder werden diese aus dem Ausland importiert?

HH: Mittlerweile hat auch das naheliegende Ausland dieselben Fachkräfteprobleme, es wird also schwierig sein, Fachleute aus dem Ausland zu rekrutieren. ICT Berufsbildung überlegt sich, das schweizerische Aus- und Weiterbildungsprogramm im Ausland zu positionieren, sodass die Swiss ICT Academy das Angebot zum Beispiel in Spanien etabliert und somit die Fachkräfte für die Schweiz vor Ort aus- und weiterbildet.

Falls Sie also davon ausgehen, dass IT-Mitarbeiter ohne formalen Abschluss Schwierigkeiten auf dem Arbeitsmarkt bekommen: Wie kommen die gut 100’000 ICT-Beschäftigten ohne ICT-Qualifikation zu einem formalen Abschluss?

HH: ICT-Berufsbildung bietet für Berufsleute mit Erfahrung im IT-Bereich den eidg. Fachausweis und das eidg. Diplom an. Das heisst, jemand kann nach einer KV-Lehre mit 4 Jahren Berufspraxis in einem Bereich der ICT zur Fachausweisprüfung zugelassen werden.

Wenn Berufsleute ohne IT-Erfahrung «umsatteln» möchten, haben wir neu die Lehrgänge zum Swiss  ICT Assistant entwickelt. Hier geht es darum, in einem 6-monatigen, berufsbegleitenden Kurs in die Welt der ICT einsteigen zu können. Damit bekommt der Absolvent ein Verbandszertifikat und hat damit die Möglichkeit, Berufspraxis zu erlangen.

Die Zulassungsbedingungen zu den formalen Prüfungen sind einfach über die Berufspraxis zu erfüllen, wenn jemand ein EFZ Informatik besitzt, braucht es zwei Jahre Berufspraxis, damit die Person eine Prüfung zum eidg. Fachausweis absolvieren kann. Für jemanden mit einem EFZ eines anderen Berufs braucht es vier Jahre Berufspraxis. Wer keinen formalen Lehrabschluss hat, braucht zum Beispiel sechs Jahre Berufspraxis. Die Ausbildung zu diesen eidg. Prüfungen wird in der Regel von privaten Ausbildungsinstituten angeboten und kann sehr gut berufsbegleitend absolviert werden. Das Wissen zur Prüfung kann sich der Autodidakt auch ohne Schulbesuch aneignen. Der Modulbaukasten mit den Handlungszielen ist öffentlich und für jeden Interessierten zugänglich.

Kennen die Beteiligten die Weiterbildungsmöglichkeiten? Was tut ICT-Berufsbildung zur Aufklärung? Was erwarten Sie von Anbietern in der IT-Aus- und -Weiterbildung wie Digicomp?

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HH: Wir stellen tatsächlich eine grosse Informationslücke fest. Es ist für Aussenstehende auch wirklich schwierig zu verstehen, welche vielfältigen Möglichkeiten das schweizerische Bildungssystem im Allgemeinen und in der ICT im Speziellen bietet.

Da ist auf der einen Seite die Tertiär A (akademischen), auf der anderen Seite die Tertiär B (beruflichen) Weiterbildungsmöglichkeiten und zudem gibt es in der IT noch die unzähligen Industriezertifikate wie Microsoft, Cisco, IBM, SAP etc.

Der Grundstein zur Weiterbildung wird eigentlich schon in der Ausbildung gelegt. ICT-Berufsbildung versucht, die Leute möglichst früh für die ICT zu begeistern. Dieser Grundstein sollte schon in der Volksschule gesetzt werden.

ICT-Berufsbildung ist stets mit redaktionellen Beiträgen und Inseraten in der Fachliteratur und den Bildungsbeilagen der grossen Tageszeitungen präsent. Wir sind auch im Rahmen unserer Möglichkeiten an Informationsveranstaltungen mit Referaten präsent.

Wir erwarten von den Anbietern in der IT-Aus- und -Weiterbildung, dass sie ihr Angebot auch auf die formalen Abschlüsse erweitern, da können wir auch mit Werbematerial Unterstützung bieten.

Welche Rolle spielt der Arbeitgeber in der Motivation der Mitarbeitenden zur Weiterbildung?

HH: Er ist die treibende Kraft dazu. Der Arbeitgeber kann die Mitarbeitenden motivieren und zum Beispiel mit Zeitgutschriften während der Arbeitszeit unterstützen. Oft ist der Arbeitgeber auch bereit, einen Teil der Ausbildungskosten zu übernehmen. In erster Linie ist eine Weiterbildung zwar eine persönliche Angelegenheit, aber im Endeffekt sind gut ausgebildete Mitarbeitende wertvoll für einen Betrieb.

Widmen wir uns dem Thema Fachkräftemangel. Es ist nun klar, dass die aus der Historie geborene Struktur des Arbeitsmarkts und der prognostizierte Mangel zusammenhängen. Wie sieht dies nun aber mit dem Nachwuchs aus? Was tut sich in der Berufslehre und an Universitäten?

HH: Mehr als 900 zusätzliche ICT-Lehrstellen wurden in den letzten zwei Jahren geschaffen. Rund 8200 Ausbildungsplätze für Informatik und Mediamatik gibt es derzeit in der Schweiz. Über 2500 Jugendliche haben sich im letzten Jahr für eine ICT-Grundausbildung entschieden. Die Entwicklung ist doppelt erfreulich: Zum einen scheinen die Anstrengungen von ICT-Berufsbildung Schweiz zu greifen, zum andern ist die Zunahme von 13% an ICT-Lehrverhältnissen im Wettbewerb um die sinkende Zahl an Schulabgänger/-innen ein starkes Ergebnis. Dies umso mehr, als dass parallel dazu die Gymnasialquote stetig steigt.

ICT-Berufsbildung ist ja eine Organisation, die von allen IT-Verbänden gemeinsam getragen wird. Was tun die Verbände gegen den Fachkräftemangel? Gibt es hier eine gemeinsame Stossrichtung? Wenn ja, wie sieht die aus? Oder wenn nein, was würden Sie sich wünschen?

HH: Ein grosses Anliegen ist die Werbung für den eigentlich sehr jungen Beruf des Informatikers. Die Branche hat wenig Tradition und ist zwar von der Wertschöpfung her mit 28 Mrd. auf Augenhöhe mit dem Baugewerbe (29.5 Mrd.) an dritter Stelle, neben den Banken mit 35.8 Mrd.

Die Anerkennung der Leistungen der Informatik ist oft auch ein Problem. Im positiven Sinne wünschen wir uns mehr Wertschätzung der Arbeit der Informatik.

Was erwarten Sie von der Politik und von der Wirtschaft? Wer könnte am meisten Gegensteuer geben?

HH: Die Wirtschaft sollte die inländisch tätigen Fachkräfte berücksichtigen. Die Wertschätzung der hervorragenden Berufsleute in der Schweiz sollte erkannt und berücksichtigt werden, bevor eine Firma an ein Outsourcing ins Ausland denkt. Die Quereinsteiger ohne formale Abschlüsse sollen zur Weiterbildung motiviert werden.

Als letzte Frage eine Carte Blanche: Wenn Sie alleine entscheiden könnten, was würden Sie unternehmen, um 1) Fachkräftemangel und die 2)Herausforderungen mit den IT-Quereinsteigern zu lösen?

HH: 1) Ich würde in der Volksschule ansetzen und dort für die allgegenwärtige Informatik sensibilisieren. Den Kindern soll bewusst werden, welchen Stellenwert die Informatik in unserem heutigen Alltag hat, und dass hinter allen Errungenschaften der Informations- und Kommunikationstechnologie Menschen stehen, die diese Entwicklung bedeutend geprägt haben. Ihnen soll bewusst werden, dass sie selber mit Leichtigkeit an dieser Entwicklung teilhaben und aktiv mitwirken können. Die junge Generation wächst heute viel breiter mit der IT auf als die Generationen davor.

Zu diesem Punkt gehört natürlich in erster Linie auch die Ausbildung der Lehrkräfte, die diese Affinität zur ICT haben, gut ausgebildet sind und ohne Ängste an dieses Thema herangehen. Eine Lehrkraft kann in der Grundschule viel von der Faszination der ICT vermitteln und mit Anwendungen den Zugang zur Technik ermöglichen. Der Schritt zum Selber-Entwickeln von Programmen, Apps, Regelungen und Steuerungen ist dann ein Kinderspiel.

2) Für die Quereinsteiger sehen wir eine Art Validierung der Vorleistungen vor. Die Summe aller Kompetenzen wird in einem europäischen Competence Frame erfasst, validiert und durch ein Verbands-internes Raster eingestuft und so zu einem formalen Abschluss seines Niveaus geführt.

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Vielen Dank, Herr Hofpeter, für dieses interessante Interview.

 

Hofpeter

Hansjörg Hofpeter

Stv. Geschäftsführer
Leiter Höhere Berufsbildung
ICT-Berufsbildung Schweiz

Hansjörg Hofpeter ist stv. Geschäftsführer des im Jahr 2010 neu gebildeten nationalen Verbands ICT-Berufsbildung Schweiz. ICT-Berufsbildung Schweiz wird getragen vom Dachverband ICTswitzerland sowie den kantonalen und regionalen ICT-Lehrbetriebsorganisationen.

Zuvor war Hofpeter während über 30 Jahren als Lehrer Sekundarstufe 2 an einer Privatschule tätig. Er hat dort diverse Ausbildungsgänge mitgestaltet und aktiv durchgeführt. Unter anderen hat er ein Konzept für das 10. Schuljahr mit Schwerpunkt Informatik und Allgemeinbildung und die Lehrplanarbeit für den dreijährigen FMS-Ausbildungsgang Information und Kommunikation entwickelt.

Hofpeter ist seit 17 Jahren aktives Gemeinderatsmitglied in seiner Wohngemeinde im französischsprechenden Teil des Kantons Freiburg.

Weitere Informationen
Oliver Müller
Nach Abschluss des Studiums an der Uni Zürich in Publizistikwissenschaften war Oliver Müller von 2006 bis 2011 für Digicomp in den Bereichen Kommunikation und Sales tätig. 2009 vertiefte er mit einem MAS an der Uni Basel berufsbegleitend seine Kenntnisse in Marketing Management. Seit Juni 2012 leitet Oliver Müller das Business Development bei Digicomp, hält Prezi Kurse und betreut mit seiner eigenen Firma King Content GmbH die digitale Kommunikation seiner Kunden.

6 Kommentare

  1. Dieses Interview zeigt wieder einmal mehr wie die Wirtschaft funktioniert. Es werden, laut Ihrer Grafik, 105’000 ICT Beschäftigte ignoriert. Die Interpretation der Aussagen hört sich für mich folgendermassen an: Natürlich haben wir Ferraris in unserem Verkaufsraum und es steht jedem frei diesen zu kaufen. Wenn er oder sie, sich den Wagen nicht leisten kann, ist er oder sie auch kein richtiger Autofahrer. Die Begründung, weil, wenn die Person Opel fährt kann die Person nur Opel fahren und auch nur wenn die Person bei mir gelernt hat.
    Glaubt Herr Hofpeter wirklich das die Wirtschaft diese Leute für ca. CHF 16’000 bis CHF 30’000 und der Abwesenheit unterstützt? Es ist billiger sogenannte Fachkräfte aus dem Ausland zu rekrutiern oder seine Lösung, denjenigen, dieselbe Ausbildung, im Ausland für den halben Preis zu ermöglichen.
    Wie dick muss diese rosarote Brille sein wenn man in einer solchen Traumwelt lebt.
    Ich bilde mich ständig weiter auf eigene Kosten und Ferientagen da ich in der realen Wirtschaft arbeite. Aber nicht jeder hat diese Möglichkeit. Also, seien Sie doch mal innovativ und bieten Sie den 105’000 Querseinsteigern eine Möglichkeit die bezahlbar ist. In der Realität sucht die Wirtschaft eierlegende Wollmilchsäue, importiert dann aber hochspezialisierte ‘Fachkräfte’, abgesehen davon ist ein Schweizer dank unserem Staat auch im Unterhalt viel teurer.
    Schauen Sie mal über Ihren Tellerrand und orientieren Sie sich an der Realität.
    Ich hätte noch einen Vorschlag: Für jede ‘Fachkraft’ aus dem Ausland muss ein Schweizer einen Ausbildungsplatz erhalten, welcher genau diese Funktion erlernt. Für solche Firmen könnte man entsprechend die Rekrutierung des, offensichtlich einzigen Spezialisten aufder Erde, entsprechend erleichtern.

  2. Ich gehe mit meinem Vorposter dahingehend einig, dass das bestehende Angebot zu “Nachqualifizierung” von Quereinsteigern nicht praktikabel ist. Die Hürden im Gleichwertigkeitsanerkennungsverfahren sind dermmassen hoch gesteckt, dass es kaum jemand schafft, und die auf zwei Jahre verkürzte Berufslehre für Erwachsene ist mit Kosten von gut 30’000.- einfach viel zu teuer.
    Was es bräuchte, wäre ein Verfahren, dass basierend auf Lebenslauf (Erfahrung), erlangten Zertifikaten und v.a. einem praktischen Assessment das Niveau der Kenntnisse landesweit anerkannt bescheinigt. Der am Schluss des Beitrags veröffentlichte Qualifikationsrahmen (QR) bietet sogar das Raster dazu.
    Ein erster Schritt überhaupt wäre es, wenn ein solcher QR verbindlich festgelegt und durch eine Instanz für alle Aus- und Weiterbildungen bescheinigt würde, so wie es z.B. in England das NCFE macht. Dort bekommt man bei entsprechend akkreditierten Weiterbildungen neben dem Zertifikat o.ä. des Bildungsträgers auch ein Certificate of Achievement und ein Unit Summary, welche das Level und die Inhalte der Ausbildung beinhalten. Damit ist auf einen Blick klar, auf welchem Niveau die Weiterbildung einzustufen ist, auch wenn man den Bildungsträger nicht kennt. Entsprechende nationale bzw. europäische Bemühungen gibt es (in der erwähnten Grafik ist es die Spalte 1 EQF, der europ. QR), auch in der Schweiz. Mir scheint es aber, dass diese nicht vom Fleck kommen.
    Um auf die Auto-Metaphern meines Vorposters zurückzukommen: Ich denke nicht, dass ICT-Berufsbildung als Verband ein grosses Interesse an einer verbindlichen Qualifizierung von Quereinsteigern hat. Als Hersteller der Ferraris entzieht es sich ihrer Gedankenwelt, dass ein in einer Garage in Kleinserie entwickelter und hergestellter Sportwagen auch nur annähernd so gut sein könnte wie die eigenen Wagen …

  3. Kann mich ebenfalls den Aussagen meiner Vorposter anschliessen. Interessant finde ich insbesondere, wie die Weiterbildungen zum eidg. Fachausweis und Diplom als gut und sinnvoll proklamiert werden, um gemäss Interview als “qualifizierte” Fachkraft zu gelten. Ich habe beides gemacht, der Fachausweis ist zu teuer, bringt aber immerhin etwas Gegenwert. Das Diplom war noch teurer und hat nichts gebracht. Eine Ansicht die offenbar viele mit diesem Abschluss teilen und auch den Entscheidern in HR und IT bekannt ist.

    Auch hinter der Aussage, dass Quereinsteiger oft einseitige Spezialisierungen aufweisen, die schnell veraltet sein können, setze ich ein Fragezeichen. Es kommt sehr darauf an in welchem Bereichen Informatiker gesucht werden. Es sind nicht alles Manager- und Projektleiterpositionen! Die breit gefächerte Ausbildung der ICT allein interessiert einen Arbeitgeber wenig, wenn er einen “Techie” sucht, da ist das Produkte-Know-how definitiv wichtiger. Auch kann man ohne Hochschulabschlüsse mit einem wachsamen Auge den technologischen Entwcklungen folgen, um stets auf den relevanten Technologien up-to-date zu bleiben. Wenn etwas ändern soll, dann ist es wohl die Definition von “qualifizierter Informatiker” in den Köpfen von gewissen Leuten. Meine aktuelle Stelle hätte ich ohne Produktewissen mit Sicherheit nicht und noch weniger könnte ich brauchbare Ergebnisse liefern. Mein eidg. Diplom ist da lediglich “nett”…

  4. Sehr geehrte Herren
    Danke für Ihr Feedback, ich bin besonders erfreut über Ihren Vorschlag am Schluss Ihres Beitrages Herr Burns, bezüglich des Ausbildungskontingents pro ausländische Fachkraft. Das wäre ein Konzept, damit auch die grossen anglikanisch geführten Betriebe in der Schweiz Ausbildungsplätze anbieten müssten. Sie schreiben ausserdem von billigen Arbeitskräften aus dem Ausland, von der Qualität kann ich in Ihrem Beitrag nicht lesen…
    Dass die Ausbildung zum Fachausweis etwas kostet, ist mir klar, aber die Kosten bestimmen die Ausbildungsinstitute und der Markt, der Verband erhebt höchstens die Prüfungsgebühren. Wie Sie vielleicht wissen, werden die Ausbildungs- und Prüfungsgebühren von den Kantonen neu vermehrt subventioniert. Somit kann der Kostenaufwand reduziert werden.
    Was viele Leute nicht wissen, dass eine Prüfung auch ohne Ausbildungsinstitut absolviert werden kann, also einen Fachausweis im Selbststudium. Für die Zulassung zur Prüfung relevant ist die Praxiserfahrung, nicht die besuchte Schule.
    Womit ich nicht mit Ihnen einverstanden bin, dass wir die Quereinsteiger angeblich ignorieren. Es sind verschiedene Massnahmen in die Wege geleitet, wie zB. die Swiss ICT –Academy http://www.swiss-ict-academy.ch/ und wie das von Herrn Gisiger richtig zitiert wurde, den Qualifikationsrahmen, der vom Verband validiert wird und somit zu einer Überführung der Qualifikationen zu einem formalen Abschluss. Diese Idee ist im Verband am reifen und ist eine denkbare Alternative zu der angesprochenen verkürzten Berufslehre.
    Also der eidg. Fachausweis und eidg. Diplom ist ein eidg. Führerschein aller Fahrzeugmarken
    Übrigens:
    ICT-Berufsbildung Schweiz ist die landesweit tätige Organisation der Arbeitswelt (OdA) für das Berufsfeld der Informations- und Kommunikationstechnologie (ICT). Sie schafft die Voraussetzungen für einen zahlenmässig ausreichenden und genügend qualifizierten Nachwuchs an ICT-Berufsleuten, ausgerichtet auf die Anforderungen von Wirtschaft und öffentlichen Verwaltungen und abgestimmt auf die internationalen Standards.

  5. Gibt es einen Grund/Gründe, warum 42’000 formell qualifizierte ICT-Fachkräfte aus der Branche abwandern? Vorausgesetzt, dass ICT-Arbeitgeber ehrlich kommunizieren und nichts wichtiges verschweigen, hätte es doch genügend Jobs, genügend hohe Löhne und genügend andere Anreize (Beteiligung an Weiterbildungskosten) um diese Fachkräfte zu integrieren?

  6. Die Gründe können in der ICT sehr vielschichtig sein.
    • Die Arbeitsbelastung,= meist sind ICT Jobs Fulltimejobs 80-100%
    • die Arbeitsbedingungen = Grosse Bereitschaft, Wochenend- und 24h Pikettdienst, Rollouts während der normale Betrieb stillsteht, also bsp. in der Nacht und während Wochenende oder Ferienzeit
    • Der grosse Anteil an Abwanderern zeigt, dass ICT-Ausgebildete hervorragende Chancen haben, sich auch in anderen Tätigkeitsgebieten zu bewegen. Das muss eigentlich die Informatik-Ausbildung attraktiv machen, da diese nicht in eine monotone Job-Sackgasse führt.
    Jobs hat es wie Sie schreiben genügend und die Löhne sind auch angemessen, aber ich denke gerade aus der Situation der Vollbeschäftigung ist eine Weiterbildung nur mit einer Reduktion eines Arbeitspensums zu bewältigen und damit haben wir kurzfristig gesehen eine doppelte Belastung für den Arbeitnehmer wie für den Arbeitgeber.
    Auf der anderen Seite muss man auch betonen, dass es im Berufsfeld der ICT auch rund 60‘000 Zuwanderer hat. Auch das ein Beleg dafür, dass die Branche hoch attraktiv ist.

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